Bemerkungen zu Persingers Experimenten von Schülern
aus Hamburg: LINK Dr.
Michael Persingers Homepage: LINK |
Die Geschichte klang zunächst
reichlich unglaubhaft: Ein kanadischer Forscher, so stand in der
englischen Tageszeitung Independent zu lesen, könne mit Hilfe
von magnetischen Feldern mystische Erfahrungen hervorrufen.
>Einer der Teilnehmer meinte, Gott begegnet zu sein; ein
anderer dagegen floh aus der Versuchskammer und erklärte, sie
müsse exorziert werden, da der Teufel darin hause<, hieß es
in dem Artikel. All dies aufgrund schwacher magnetischer
Signale, die Michael Persinger über einen Motorradhelm auf den
Kopf seiner Probandenwirken ließ. >Dank Dr. Persinger sollte
so jedermann auf Knopfdruck ein mystisches Erlebnis möglich
sein<, schrieb der Independent.
Ist so etwas möglich ? Erste Erkundigungen brachten nicht
viel Licht in die Sache. Den Namen >Dr.Persinger< kannte
in Deutschland kaum jemand. Der eine oder andere Forscher hatte
von den obskuren kanadischen Versuchen zwar schon einmal
gehört. Aber was genau dahintersteckte, wußte niemand zu
sagen. Immerhin, die erwähnte Laurentian University in Sudbury,
Ontario, fand sich tatsächlich im Internet. Und auch unter dem
Namen >Persinger, Michael< gab es einen Eintrag und eine
Telefonnummer...
..........Bei genauer Betrachtung wirkt Michael Persinger
allerdings vollkommen diesseitig. Die Krawatte sitzt korrekt,
trotz der Abendstunde, und der Nadelstreifenanzug paßt zu
seiner etwas steifen Förmlichkeit. Sieht so ein Mann aus, der
übersinnliche Erfahrungen vermittelt, ein Schamane der
Neurophysiologie ? Schwer zu glauben, der einundfünfzigjährige
Hirnforscher mit den hageren, etwas besorgten Gesichtszügen
und den großen Brillengläsern hat so gar nichts Esoterisches
an sich. Eher erinnert er an einen gewissenhaften Beamten, der
gerade Überstunden macht. "Früher war ich jeden Tag
hier", erzählt er, während wir in das einsame
Untergeschoß der Universität hinabsteigen. "Aber auf die
Proteste meiner Familie hin bleibe ich jetzt sonntagvormittags
zu Hause - und arbeite dort." Kein Zweifel, hier spricht
ein leidenschaftlicher Wissenschaftler.
..........Mit dunklen Brillengläsern vor den Augen, licht-
und schallisoliert, nimmt der Proband auf dem Sessel Platz und
bekommt einen umgebauten Motorradhelm aufgesetzt. "Innen
sind an jeder Seite des Helms vier Magnetspulen
angebracht", erläutert Persinger, "und darüber
spielen wir sehr schwache Magnetfelder ein, die etwa ein
Mikrotesla betragen." Diese elektromagnetischen Signale
entsprächen in Ihrer Intensität etwa einem Zwanzigstel des
Erdmagnetfeldes, wirkten allerdings wesentlich gezielter auf das
Denkorgan ein. "Wir können dabei das Gehirn als seinen
eigenen Verstärker benutzen und die Muster der Hirnströme in
das Organ zurückspiele, die wir zuvor mit dem EEG aufgezeichnet
haben", erklärt der Hirnforscher eifrig, "wir können
aber auch andere Signale einspielen, die wir am Computer
künstlich erzeugen."
..........Die damit erzielten Wirkungen seien in der Tat
höchst bemerkenswert: Manche Versuchspersonen hätten das
Gefühl, ihr Körper vibriere oder fange gar an zu schweben, bei
anderen tauchten höchst lebendige Erinnerungen aus der Kindheit
auf, und nicht wenige glaubten unter dem Motorradhelm, eine
eigentümliche Präsenz wahrzunehmen, so als sei plötzlich noch
jemand in der Kammer. "Sie sagen zum Beispiel, daß sie
ihren Schutzengel gespürt haben oder Gott oder so etwas
Ähnliches", erklärt Persinger, als sei dies das Normalste
der Welt. Manche Versuchspersonen empfänden das zwar als
ziemlich heftige Erfahrung, aber viele wollten es gern noch
einmal erleben. "Wenn die Leute aus unserer Kammer kommen,
fühlen sie sich im allgemeinen sehr gut. Meist sind sie nur
etwas durcheinander. "Und wie steht es mit negativen
Erfahrungen ? O ja, das kommt vor", meint Persinger
gelassen. Das jemand jedoch meine, dem Teufel zu begegnen ,
geschehe höchst selten. "Wissen Sie, das sind
Extremfälle, wir sind jedoch mehr am allgemeinen Durchschnitt
interessiert", erklärt er betont sachlich. Überdies habe
er die Erfahrung gemacht, daß die Leute selbst ein negatives
Gefühl noch einmal erfahren wollten. "Das scheint bizarr,
aber denken Sie daran, daß Leute auch in Horrorshows und
ähnliches gehen, um sich zu stimulieren."
.........."Wir sind daran interessiert, die Teile des
Gehirns zu finden, die diese Art der Erfahrung vermitteln",
erläutert Persinger und kramt nach einem Stapel
Veröffentlichungen, mit denen er die Wissenschaftlichkeit
seiner Arbeit belegt. So spiele etwa das Muster der
eingespielten Signale eine wichtige Rolle. "Wir können
zwar nicht gezielt bestimmte Erfahrungen hervorrufen, aber mit
speziellen Feldern können wir grob gewisse Themen oder
emotionale Komponenten beeinflussen - die Details
des Erlebten freilich reflektieren jeweils die individuelle
Geschichte der Versuchsperson."
..........Nun ist die Wirkung der diffusen Magnetfelder
reichlich unspezifisch, und auch Persinger weiß nicht so genau,
was sie an welcher Stelle des Gehirns exakt auslösen.
Entsprechend nebulös ist auch die wissenschaftliche Erklärung
seiner erstaunlichen Ergebnisse. Diese führt er vor allem auf
die Spezialisierung der rechten und linken Gehirnhälfte
zurück. Schließlich ist durch PET-Aufnahmen schon länger
bekannt, daß im Gehirn eine Art Arbeitsteilung stattfindet:
Links werden analytische Prozesse und Sprache verarbeitet, die
rechte Seite dagegen ist eher für ganzheitliche Aufgaben
zuständig, zum Beispiel für das Erkennen von Gesichtern,
Musikalität oder auch Kreativität. Persinger geht allerdings
noch einen Schritt weiter und vermutet in der linken Hemisphäre
auch den 'Sinn für das Selbst', denn "ohne Sprache gibt es
kein Selbstverständnis". In der rechten Hemisphäre sei
dagegen, sozusagen als Äquivalent, "das Gefühl einer
Präsenz" angesiedelt. Diese Interpretation stützt er
auf seine experimentellen Befunde: "Wirken die Magnetfelder
vor allem auf das Gebiet um den linken temporalen Parietallappen,
hören die Versuchspersonen oft Stimmen, die Ihnen Instruktionen
erteilen - diese werden meist mit Gott oder ähnlichem in
Verbindung gebracht", erläutert Persinger.
"Stimulieren wir dagegen rechts, haben die Probanden das
Gefühl, als ob irgendein Ding, eine Wesenheit, neben ihnen
stehe, die ihnen fremd ist. Technisch nennen wir das ein 'Ego-Alien'."
Dieser Eindruck sei eher mit negativen Gefühlen gekoppelt.
Wirken die elektrischen Reize dagegen eher links, berichten die
Versuchsteilnehmer meist von positiven Gefühlen. Persingers
Theorie zufolge sitzt daher in der linken Gehirnhälfte nicht
nur der 'Sinn für das Selbst', sondern auch der Optimismus,
rechts dagegen finden sich pessimistische Stimmungen - eine
gewagte Hypothese. Doch damit nicht genug: Auf diese Weise, so
meint der Hirnforscher, ließe sich auch das Zustandekommen
religiöser Erfahrungen erklären. Zu solchen Erlebnissen komme
es gewöhnlich dann, wenn die vertraute Umgebung zusammenbreche.
In derartigen Situationen nehme zunächst die Aktivität der
rechten, ängstlichen Hemisphäre zu. Spitze sich die Lage zu
und erzeuge etwa Stress oder Schmerz, schütze sich das Gehirn
dadurch, daß es seine linke Hälfte, also den Sinn für das
Selbst, gewissermaßen ausschalte. Dadurch gewinne die rechte
Hemisphäre die Oberhand, und die dort verarbeiteten Erfahrungen
- Träume, Visionen, Halluzinationen - träten mit einem Mal
verstärkt ins Bewußtsein. "Werden solche
rechtshemisphärische n Invasionen wiederholt", erläutert
Persinger, "regen sie, paradoxerweise, neue Aktivität in
der linken Seite an. Und da die linke Hemisphäre eher
Optimismus verbreitet, fühlt die Person in diesem Moment
plötzlich große Freude und Zuversicht in sich
aufsteigen." Auf diese Weise werde die ursprüngliche Angst
in ihr Gegenteil verkehrt und - wenn der Prozeß weit genug gehe
- schließlich ein neuer, umfassenderer Sinn des Selbst
etabliert. Daraus könne das Bedürfnis enstehen, all diese
neuen Erfahrungen in ein System zu bringen und andere
davon zu überzeugen - kurzum, all das, was ein echtes
religiöses Erleuchtungserlebnis ausmacht. Michael Persinger
selbst glaubt freilich nicht an Gott: "In den vergangenen
tausend Jahren hat sich diese Hypothese, ob Gott existiert oder
nicht, als völlig unnütz herausgestellt. Sie war
verantwortlich für unsägliche Qualen und die meisten
Kriege", lautet sein Urteil. Für ihn entstand der Glaube
an Gott, als der Mensch einen Sinn für die eigene Person
entwickelte. Mystischen oder religiösen Erlebnissen lägen im
Grunde nur elektrische Übergangszustände im Temporallappen des
Großhirns zugrunde. Solche 'temporal lobe transients' (TLTs)
seien jedoch höchst potente Modifikatoren menschlichen
Verhaltens: "Eine singuläre Episode in einem passenden
Kontext kann zu einer weitreichenden Verhaltensänderung
führen." .......... |