
Rüschlikon und seine Nobelpreisträger
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Ein Traum wird wahr Für die Entdeckung eines Materials, das sich bei wesentlich höheren Temperaturen als bisher bekannt supraleitend verhält, sind zwei Forscher aus dem IBM Forschungslabor in Rüschlikon bei Zürich, Dr. J. G. Bednorz und Professor Dr. K. A. Müller, mit dem diesjährigen Nobelpreis für Physik ausgezeichnet worden. Sie erhalten den mit umgerechnet 628 000 DM dotierten Preis zu gleichen Teilen. In seiner Begründung für die Verleihung des Preises nennt das Nobelpreis-Komitee Supraleitung eines der "aufsehenerregendsten Phänomene der Physik... Es war der Traum vieler Forscher, ein Material zu finden, das auch bei höheren Temperaturen supraleitend bleibt." Die Entwicklung werde von all denen, die mit Elektrotechnik und Mikroelektronik arbeiten, mit gespanntem Interesse verfolgt. Schon im vergangenen Jahr waren unter anderem zwei IBM Forscher aus dem Labor in Rüschlikon, Dr. Gerd Binnig und Dr. Heinrich Rohrer, für die Entwicklung des Raster-Tunnel-Mikroskops mit dem Nobelpreis für Physik geehrt worden. Die diesjährigen Preisträger sind Dr. Johannes Georg Bednorz und Professor Dr. Dr. h. c. mult. K. Alex Müller. Dr. Bednorz, geboren 1950 in Neuenkirchen/Westfalen, studierte Mineralogie und Kristallographie an der Universität Münster, wo er 1976 mit dem Diplom abschloß. Er promovierte an der ETH Zürich im Jahr 1982 und ging danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter in die Physikabteilung des IBM Forschungslabors in Rüschlikon. Hier befaßte er sich auf dem Gebiet der Materialforschung mit oxydischen Materialien, der Herstellung neuer Verbindungen, deren Kristallzüchtung und Charakterisierung. Schwerpunkte dieser Untersuchungen waren strukturelle Phasenumwandlungen und Ferroelektrizität. Seit 1983 liegt sein Hauptinteresse in der Untersuchung von metallischen Oxyden mit dem Ziel der Entwicklung von Hochtemperatur-Supraleitern. Seit dem Sommer 1987 ist Dr. Bednorz auch als Lehrbeauftragter an der ETH Zürich und an der Universität Zürich tätig. Am 29. 10. 1987 wurde er zum IBM Fellow ernannt. Der Festkörperphysiker Professor Dr. Müller (Jahrgang 1927) ist Schweizer. Er promovierte 1958 an der ETH Zürich, war fünf Jahre Projektleiter am Battelle-Institut in Genf und nahm 1963 seine Arbeit am IBM Forschungslabor in Rüschlikon auf. 1962 wurde er zum Lehrbeauftragten und 1970 zum Titularprofessor an der Universität Zürich ernannt. Er ist Autor von über 200 technischen Publikationen und Mitglied des Exekutivkomitees des Groupement Ampere und der Gruppe für Ferroelektrizität der Europäischen Physikalischen Gesellschaft. Ferner ist er Fellow der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft, Mitglied der Schweizerischen Physikalischen Gesellschaft und der Züricher Physikalischen Gesellschaft, deren Vorsitz er 1968/69 innehatte. 1973 wurde er Leiter der Physikabteilung des IBM Forschungslabors in Rüschlikon, und im April 1982 wurde er zum IBM Fellow ernannt. Seit dem Sommer 1985 widmet er sich ausschließlich der Erforschung fundamentaler Aspekte der Ferroelektrizität und der Entdeckung eines Hochtemperatur-Supraleiters. Im Juni 1987 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Genf und im Juli die der Technischen Universität München verliehen. Beide Forscher erhielten - über die jüngste Auszeichnung hinaus - auch zahlreiche weitere Ehrungen für ihre bahnbrechenden Arbeiten. So wurden ihnen im Jahr 1987 gemeinsam unter anderem folgende Preise verliehen: der Fritz London Memorial Award des Stiftungskomitees der Uni-versity of California, Los Angeles; der Dannie-Heineman-Preis durch die Akademie der Wissenschaften in Göttingen; der Robert-Wichard-Pohl-Preis durch die Deutsche Physikalische Gesellschaft und der Hewlett-Packard Europhysics Prize 1988. Rüschlikon, 14.Oktober 1987 Als die Mitarbeiter des IBM Forschungslaboratoriums in Rüschlikon bei Zürich an diesem Morgen einen Blick auf den Kalender warfen, ist ihnen mit Sicherheit ein Gedanke durch den Kopf gegangen: Stockholm - Physik-Nobelpreis. Zwei ihrer Kollegen waren bereits im letzten Jahr mit der wohl höchsten Auszeichnung eines Forscherlebens geehrt worden: Gerd Binnig und Heinrich Rohrer für die Entwicklung des Raster-Tunnel-Mikroskops. Zusammen mit dem dritten Preisträger, Prof. Dr. Ernst Ruska, konnten sie im letzten Dezember den Preis aus der Hand des schwedischen Königs entgegennehmen. Auch in diesem Jahr waren wieder zwei Wissenschaftler aus dem "Labor im Grünen" preisverdächtig: Johannes Georg Bednorz und Karl Alex Müller. Was sie Anfang 1986 entdeckten und im Spätsommer veröffentlichten, versetzte die Fachwelt in hellste Aufregung: eine neue Substanz, die, unter wesentlich höherer Temperatur als bisher bekannt, Strom ohne Verlust transportiert - einen "warmen Supraleiter". Physiker in aller Welt arbeiteten auf der Basis der Erkenntnisse von Bednorz und Müller weiter, und bald war klar, daß den beiden eine ganz große Entdeckung gelungen war. Aber würde das Nobelpreis-Komitee genauso denken? Für Georg Bednorz begann an diesem Morgen, wie er später sagte, "ein ganz normaler Arbeitstag im Labor". Sein Kollege Alex Müller hielt sich bei einem Kongreß der Italienischen Physikalischen Gesellschaft in Neapel auf. Gegen zwölf Uhr wurde es dann spannend. Im Büro des Laborchefs war zusammen mit Bednorz ein kleiner Personenkreis versammelt - "Stockholm" hatte einen Anruf angekündigt. Es war still. Was soll man reden in solch einem Moment? Um 11 Uhr 48 klingelte das Telefon. Bednorz - nun allein im Zimmer - sprach lange. Gespannte Erwartung draußen vor der Tür. Dann kam er heraus, strahlend - aber auch bewegt. Umarmungen, Schulterklopfen, der Traum war wahr geworden: Nobelpreis für Physik 1987 für Johannes Georg Bednorz und Karl Alex Müller. Labordirektor Martin Reiser gab die von vielen insgeheim erwartete, aber dann doch überraschende Nachricht sofort per Lautsprecher allen Mitarbeitern bekannt und lud sie zu einem kleinen "Toast" um 14 Uhr in die Cafeteria ein. Locker und kommunikativ: das ist der Stil, wie man hier zusammenarbei-tet - und feiert. Vier Nobelpreisträger aus den eigenen Reihen, wenn das kein Grund zum Jubel ist. Zur gleichen Zeit wurde in Stockholm vom Nobelpreis-Komitee die Öffentlichkeit unterrichtet. Die Presseabteilung der IBM Schweiz informierte Presse, Funk und Fernsehen per Telefax. Die daraufhin in Rüsch-likon von allen Seiten herbei-eilenden und anrufenden Korrespondenten - innerhalb von drei Minuten registrierte die Zentrale mehr als 40 Anrufe -mußten sich allerdings noch gedulden. Auf 16 Uhr wurde die offizielle Pressekonferenz einberufen. Schließlich war eine der Hauptpersonen noch außer Landes. Alex Müller, von Bednorz kurz vor dem Mittagessen im Hotel in Neapel angerufen, flog nach Zürich zurück und kam kurz vor 16 Uhr im Labor an. Freude, Stolz und Anerkennung kennzeichneten inzwischen die Stimmung, als die Kollegen und das Management mit dem frischgebackenen Preisträger Bednorz in der Cafeteria mit einem Glas Champagner anstießen. Mit dabei waren selbstverständlich auch die beiden letztjährigen Gewinner Gerd Binnig und Heinrich Rohrer. Heinrich Rohrer, Leiter der Physikabteilung, hatte übrigens genau an jenem Tag des letzten Jahres, an dem er selbst den Preis zugesprochen erhielt, die entscheidende und nun preisgekrönte Arbeit von Bednorz und Müller mit seinem Freigabevermerk versehen. Omen oder Zufall? Wer mochte an diesem Nachmittag an Zufall glauben? In bester Laune konnte Georg Bednorz sich nun bei Gerd Binnig revanchieren. Hatte er sich noch im vergangenen Jahr ein überdimensionales Autogramm seines berühmt gewordenen Freundes auf das Hemd schreiben lassen, ziert nun seine Unterschrift Binnigs Hemdbrust. Als Alex Müller gegen 16 Uhr am Hintereingang des Labors auftauchte, konnte er sich kaum den Weg bahnen. Ein dichter Pulk von Presseleuten und Fotografen nahm ihn in Empfang. Strahlend beglückwünschten sich die beiden Kollegen - und das gleich mehrfach für die Fotografen: "Also dann, Schorsch, noch einmal." Bei der anschließenden Pressekonferenz, die von der IBM für die amerikanische Öffentlichkeit direkt per Satellit ins IBM Labor Yorktown Heights (New York) übertragen wurde, platzte der kleine Saal im Rüsch-likoner Labor aus allen Nähten. Rund 70 Journalisten aus dem In- und Ausland und einige Fernsehteams bestürmten die beiden Preisträger mit ihren Fragen. Die menschliche Seite stand im Mittelpunkt, weniger die technische. Wie man sich ais No-belpreisträger fühlt? Bednorz konnte es kaum beschreiben. "Viel wurde von uns erwartet, ohne daß wir selbst noch etwas dazu beitragen konnten. Man muß sich jetzt erst einmal mit dem Gedanken vertraut machen. Ich bin immer noch wie betäubt. Meine Füße sind noch nicht wieder auf dem Boden." Und der vorher eher skeptische, nun aber ebenfalls glückliche Müller meinte, "daß man aufgrund des Interesses, auf das unsere Arbeit gestoßen ist, den Preis vielleicht erwarten konnte. Aber in dem Moment, wo alles Wirklichkeit wird - es ist einfach unwahrscheinlich." Die zu erwartenden technischen Anwendungsmöglichkeiten waren für den zurückhaltenden Professor nicht unbedingt die Triebfeder für seine Forschung. Er wollte "wissen, was Supraleitung heißt", und diese Frage wird ihn - da sie noch nicht gelöst ist -auch zukünftig beschäftigen. "Ideen, Kreativität und ein Umfeld, wie wir es hier in Rüschli-kon haben", dies nannte Bednorz als Voraussetzungen dafür, auch ungewöhnliche Wege zu gehen - Wege zum Erfolg, wie man gesehen hat. Rüschlikon und seine Nobelpreisträger Das Schweizer Forschungslabor der IBM liegt im idyllischen Rüschlikon, einem blitzsauberen Dorf an der Westseite des Zürichsees. Von der ursprünglichen Landwirtschaft ist heute nichts mehr zu spüren. Das heutige Rüschlikon reicht nahtlos von Kilchberg bis zum nächsten größeren Ort, Thalwil. Von Kilchberg, wo Thomas Mann eine Reihe von Jahren lebte, bis auf den Kamm des Bergrückens an der See-Westseite, auf dem das großzügig geplante Forschungslabor liegt, muß der Wanderer steil bergauf marschieren, um die Säumerstraße zu erklimmen. Hier oben herrscht Schweizer Ruhe und Beschaulichkeit. Jene Ruhe, die ein Wissenschaftler wohl braucht, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wer aber will, ist in einer knappen Viertelstunde mit dem Vorortzug im Hauptbahnhof von Zürich. Wer beschaulicher fahren will, nimmt in der warmen Jahreszeit vielleicht auch eines der kleinen Passagierboote und ist nach fünfmaligem Anlegen am Ausfluß der Limmat direkt in der Züricher Altstadt. Wer mit dem Auto kommt, muß schon eine gute Karte und Nerven mitbringen, denn Rüschlikon liegt trotz der Großstadtnähe doch recht versteckt im Grünen. Im IBM Forschungslabor in Rüschlikon haben die beiden letztjährigen Nobelpreisträger für Physik, Gerd Binnig und Heinrich Rohrer, das Raster-Tunnel-Mikroskop entwickelt. Im August 1986 erschien in der "Zeitschrift für Physik-B" vom Springer Verlag ein Forschungsbericht aus dem IBM Forschungslabor in Rüschlikon: "Possible High Tc Superconductivity in the Ba-La-Cu-0 System". Autoren waren die späteren Physik-Nobelpreisträger von 1987, Dr. Johannes Georg Bednorz und Professor Dr. Karl Alex Müller. Auf nur viereinhalb Seiten legten Bednorz und Müller die Ergebnisse ihrer mehrjährigen Forschungsarbeiten dar. Ihre damaligen Schlußfolgerungen klingen eher zurückhaltend, wissenschaftlich "kühl". Die Kernaussage lautet in etwa: Proben, die bei etwa 900° Celsius unter reduzierenden Bedingungen nachgeglüht wurden, zeigen als Besonderheit Supraleitung um 30 Kelvin, verbunden mit einer granularen Struktur des keramischen Materials. Es wird wegen Zürich-Rüschlikon als "Zürich-Oxid" bezeichnet. Eine wissenschaftliche Sensation, denn bis zu dieser Entdeckung galt es als selbstverständlich, daß lediglich Metalle oder spezielle Metallegierungen supraleitend werden können. Als meßtechnische Größe füngiert die "Sprungtemperatur". Sie bezeichnet den Bereich, von dem ab ein Werkstoff bei Abkühlung plötzlich seinen Ohmschen Widerstand verliert. Ein Verhalten, das bis zur Entdeckung der Supraleitung durch den Holländer Heike Kamerlingh Onnes, 1911, nach den damals geltenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten nicht erwartet wurde. Kamerlingh Onnes, der 1913 für seine Forschungsarbeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, hat die Begriffe "Sprungtemperatur" und "Supraleitung" vorgeschlagen. Die Supraleitung ist auch jetzt noch, nach mehr als siebzig Jahren intensiver Forschung, theoretisch nur unvollkommen verstanden und mathematisch nur teilweise zu beschreiben. Sie greift tief in quantenphysikalische Reaktionsweisen ein. Reaktionsweisen, die in engem Zusammenhang mit dem inneren Aufbau der Materie, ihrer gitterartigen Struktur, zusammenhängen und die das Verhalten von Elektronen als Stromleitern beeinflussen. Es hat ganz den Anschein, daß die verschiedenartigen Reaktionsweisen uns noch zahlreiche Überraschungen bescheren werden. Bednorz und Müller hatten bei ihrer Veröffentlichung damit gerechnet, daß die Fachwelt eher skeptisch und zurückhaltend reagieren würde. Schließlich durchbrachen ihre Supraleiter mit 30 Kelvin eine als na- hezu unüberwindbar geltende Barriere um 20 Kelvin. Aber schon ab November 1986 brach die Reaktion lawinenartig auf die beiden Rüschlikoner Forscher ein: zwischen Dezember 1986 und Mai 1987 überstürzten sich die Supraleitungs-Rekorde. Binnen Jahresfrist wurden die Anstrengungen von rund sechzig Jahren Supraleitungsforschung um die Erhöhung der Sprungtemperaturen quasi von heute auf morgen überrollt. Plötzlich wurde es möglich, ohne Ohm-sche Widerstandsverluste, Supraleitung mittels flüssigem, tiefkaltem Stickstoff zu praktizieren. Flüssiger Stickstoff siedet bei Temperaturen von 77 Kelvin. Das entspricht einer Celsius-Temperatur von minus 196°. Supraleiter, die mit flüssigem Stickstoff gekühlt werden können, verlangen erheblich geringere Kühl- und Materialkosten als die bislang übliche Helium-Kühlung. Einer der wichtigsten Beweise, daß ein Werkstoff temperaturabhängig supraleitend wird, kann mittels des "Meißner-Ochsen-feld-Effekts" vorgeführt werden: ein supraleitendes Material verdrängt ein bestehendes Magnetfeld im Bereich seiner Supraleitungs-Temperatur. Das führt dazu, daß man einen Magneten solange "schweben" lassen kann, wie die Supraleitungs-Temperatur gehalten wird. Bis zur Entdeckung der "Zürich-Oxide" mußte mit Helium gekühlt werden, da alle metallischen Legierungen nur eine Sprungtemperatur um und unter 23 Kelvin = minus 250° Celsius aufwiesen. Bednorz und Müller haben mit ihrer Entdeckung ein Tor aufgestoßen, die Supraleitung billiger und rentabler einsetzen zu können. Flüssiger Stickstoff erfordert pro Liter nur etwa zwei Prozent der Kosten von flüssigem Helium. Wegen seiner größeren Fähigkeit, Wärme aufzunehmen, sind die nötigen Kälteaggregate ebenfalls deutlich billiger und kleiner. Das Herausragende dabei ist, daß sie eine ganz neue Werkstoffgruppe aufgetan haben, der weltweit Wissenschaftler bis dahin überhaupt jegliche Supraleitfähigkeit abgesprochen hatten. Oberflächlich betrachtet sind nämlich Materialmischungen aus Metalloxiden keramische Werkstoffe. Und das Seltenerdmetall Lanthan mit Strontium in einer kristallinen Kupferoxid-Matrix ist nach dem heutigen Stand der Materialwissenschaften ein keramischer Werkstoff. Es ist keine Metallegierung wie alle bislang erprobten und untersuchten Supraleiter. Lanthan-Barium-Kupferoxide sind ihrer Struktur nach keramische Materialien. Ebenso natürlich auch Yttrium-Barium-Kupferoxide. Daß sie im Temperaturbereich um 100 Kelvin = minus 173° Celsius supraleitendes Verhalten zeigen, hat verschiedene Ursachen. Klarheit über dieses Verhalten gibt es bis heute noch nicht. Hier klaffen Welten zwischen physikalischtheoretischen Überlegungen der verschiedensten Wissenschaftler. Da nach allen früheren Berechnungen und experimentellen Nachweisen höhere Elektronenkonzentrationen kaum zu realisieren waren, meinte Müller, daß spezielle Mechanismen - die Wechselwirkung der Elektronengitter untereinander - für die Erhöhung der Sprungtemperatur genutzt werden könnten. Wenn sich diese Wechselwirkung der Elektronengitter beeinflussen ließe, so dachte Müller, würde eine neue Klasse von Supraleitern hergestellt werden können. Müller hat nahezu sein ganzes Leben als Wissenschaftler dem Verhalten und den Eigenschaften der Elektronen gewidmet. Sein Traum, daß die Supraleitung auch weit oberhalb des Temperatur-Nullpunktes von minus 273° Celsius theoretisch möglich sein müsse, hat sich Anfang 1986 erfüllen und mit Bednorz' Mitarbeit auch augenfällig beweisen lassen. Müller selber sagt dazu: "Ich habe immer daran geglaubt!" - Aber in der Naturwissenschaft reicht Glaube allein nicht aus, um Gedanken oder Theorien zu beweisen. Als er aber erkannte, daß auch in nichtmetallischen Verbindungen eine besonders große Wechselwirkung von Elektronen untereinander auftritt, ahnte er, wie Supraleitung bei hohen Temperaturen zu erreichen sein könnte. Sein Partner zum Beweis dieser tatsächlich zuerst erdachten Wirkungsweise war Johannes Georg Bednorz. Bednorz war ein Wunschpartner für Müller vom Augenblick, als sie sich Ende der siebziger Jahre kennenlernten. Bednorz hatte sein Physikstudium in Münster in Westfalen aufgenommen und mit dem Diplom abgeschlossen. Danach wechselte er in die Schweiz und promovierte 1982 an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Er befaßte sich dabei mit der Ionensubstitution von Strontium und Titan. Materialien, die zur damaligen Zeit in einem möglichen Zusammenhang mit der Supraleitung gesehen wurden. Im gleichen Jahr begann er mit seiner Arbeit im IBM Labor in Rüschlikon. Er lernte damals auch Gerd Binnig aus Frankfurt kennen. Ein Landsmann, mit dem er hoffte, den noch ungeklärten Zusammenhängen der Supraleitung auf die Spur zu kommen. Binnig hat jedoch bald einen anderen Weg eingeschlagen. Er gipfelte in der Entwicklung des Raster-Tunnel-Mikroskops, eines wissenschaftlichen Arbeitsinstruments, um atomare Strukturen bildlich sichtbar zu machen. Dennoch sind bei den wissenschaftlichen Quellen, die zur Entdeckung der "Zürich-Oxide" geführt haben, zahlreiche Forschungen zitiert, in denen Binnig ganz aktiv mitgewirkt hat. Gerade das ist eine der Besonderheiten, die beim "Geheimnis von Rüschlikon" bedacht werden muß. Die an ganz unterschiedlichen Zielen arbeitenden Forschergruppen waren informiert, wer was in welchem Bereich bearbeitet. Wer - wie ich - als Außenstehender, als Journalist, nach Rüschlikon kommt, hat es nicht leicht, das Außergewöhnliche der Atmosphäre zu erfühlen. Die in moderner Bauweise errichteten Gebäudekomplexe wirken neutral. Sie finden sich überall in ähnlicher Weise bei derartigen Laboratorien. Rüschlikon ist keine seelenlose Denkfabrik. Hier geht es menschlich zu. Mit Geschick sind die zweckgemäßen Betongebäude ins satte Grün des Bergrückens hoch über dem Westrand des langgestreckten Zürichsees eingestreut. Die gärtnerische Gestaltung lockert die Ansammlung der einzelnen Laborkomplexe geschickt auf. Die Liebe zum Detail ist spürbar: Karpfen und Weißfische einer japanisch anmutenden Teichanlage stehen unter großblättrigen Seerosen. Ihrer Größe sieht man an, sie leben hier wohl schon mehr als ein Jahrzehnt. Angelpunkt zum Gedankenaustausch und gleichzeitig zur fachlichen Diskussion ist die Cafeteria im weiträumigen Laborgelände. Morgens um zehn Uhr wird eine Kaffee-Pause gepflegt. In dieser Zeit anzurufen, ist zwecklos. Und mittags werden die morgens andiskutierten Themen weitergeführt. Ich kenne kaum eines der europäischen Forschungslabors, wo selbst die Telefonistinnen und Empfangsdamen über die Forschungsarbeiten sprechen können. Sie bekommen glänzende Augen, wenn sie über Bednorz, Müller, Binnig oder Rohrer sprechen. Sie sind richtig stolz auf ihre Nobelpreisträger, mit denen sie täglich Kontakt haben. Die Labors selbst sind recht klein. Sie sind vollgepfropft mit Apparaturen, Meßgeräten, Monitoren, Elektronik und den zugehörigen Kabeln. Wer hier arbeitet, hat den Blick dafür verloren, weil alle Apparaturen und Meßgeräte nur Hilfsmittel sind, kein Selbstzweck. Denken und im Experiment das Erarbeitete nachvollziehen, prüfen oder, wie Müller zu den ersten Experimenten mit den Hochtemperatur-Supraleitern sagte, "wenn das Erdachte falsch war, die Idee still begraben. Niemand erfährt davon." Immer wieder fällt das vertraute "Du" auf, mit dem man sich untereinander anspricht. Alle Rangunterschiede scheinen hier vergessen zu sein: Professoren, Nobel- preisträger, Doktoranden oder Assistenten fühlen sich ihrem Team zugehörig. Rüschlikon ist quasi eine europäische Sprachenschule. Wissenschaftler aus nahezu allen Ländern der Welt treffen sich hier für einige Wochen oder Monate. Manche bleiben und gehören zur Stamm-Mannschaft. Das IBM Zürich Research Laboratory mit seinen knapp 200 Mitarbeitern dient ausschließlich der Grundlagenforschung. Als Zielvorgabe wurde für die Forschungsarbeiten in Rüschlikon festgelegt, daß sie sich mit neuen Fragen oder Problemstellungen aus der Physik, der Festkörpertechnologie, der Informatik und der Nachrichtentechnik befassen sollten. Und daß dabei besonders auch die Grenzgebiete beobachtet werden sollten, was für zahlreiche neue Erkenntnisse in den vergangenen Jahrzehnten gesorgt hat. Hier macht sich besonders bemerkbar, daß den Wissenschaftlern ein thematisch und zeitlich großer Freiraum bewußt eingeräumt wurde, um Ideen oder Experimente ausreifen zu lassen: das wird durch die Ernennung zum IBM Fellow wesentlich erleichtert. Damit erhält ein Wissenschaftler das Recht, für zunächst fünf Jahre auf einem Gebiet seiner Wahl zu forschen. Das beinhaltet einen persönlichen Freiraum, der nirgendwo in anderen Forschungsinstituten eingeräumt wird. Wer IBM Fellow geworden ist, behält diesen Titel Zeit seines Lebens. Für die IBM hat sich dieser Freiraum hundertfach ausgezahlt. 1982 präsentierten Gerd Binnig und Heinrich Rohrer das Raster-Tunnel-Mikroskop. Eine grandiose Erfindung, die die atomaren Strukturen von Oberflächen aufzuklären vermag. In Rüschlikon wurde 1983 zur Verbindung von Terminals und Computern das Verfahren des "Token Ring"-Netzwerks erarbeitet. Eine Kommunikationstechnik, die heute auf dem Markt ist und für Local Area Networks (LAN) sehr hohe Übertragungsraten ermöglicht. In Rüschlikon wurden für andere Kommunikationsaufgaben die Grundlagen der "Offenen Netze" erforscht. Sie erlauben den Datenaustausch zwischen IBM Computern und Computern anderer Hersteller. Ein Weg, den weltweit viele Nutzer wünschten. Seit einiger Zeit suchen die Wissenschaftler nun die vielfältigen Probleme der Gallium-Arsenid-Technologie in den Griff zu bekommen. Das beginnt bei umfangreichen Materialuntersuchungen und führt zu hochintegrierten Schaltkreisen mit extrem kurzen Schaltzeiten bei relativ geringem Stromverbrauch. ICs, die in einigen Jahren möglicherweise in Konkurrenz mit Chips treten könnten, die heute in der Silizium-Technik gefertigt werden. Die Rüschliko-ner greifen hier auf einen großen Wissensfundus zurück, weil sie schon Anfang der siebziger Jahre ultraschnelle Feldeffekt-Transitoren entwickelten, die im 30 Gigahertz-Bereich arbeiteten. Mit der GaAs-Technologie sucht man, auch Anschlüsse an die neueren opto-elektronischen Uber-tragungs- und Speichertechniken zu finden. Verständlicherweise haben die Mehrzahl der Forschungsarbeiten in Rüschlikon die Verbesserung der heutigen Computertechnik im Auge. Aber, wie die "Zürich-Oxide" und das Raster-Tunnel-Mikroskop zeigen, werden gerade physikalische Grundlagenprobleme angegangen, die manch andere Unternehmen lieber den Hochschulen oder staatlich finanzierten Instituten überlassen. Das dann dabei erarbeitete Wissen kommt schlußendlich aber der angewandten Forschung und praxisnahen Entwicklungsarbeiten zugute. Der Autor, Arno Nöldechen, 1932 geboren, ist freier Wissenschaftsjournalist für deutsche und ausländische Tageszeitungen und Fachzeitschriften. Sein Hauptinteresse gilt den neuen Technologien. |
Quelle: Informationsbroschüre, von meinem ersten Besuch der CeBit-Messe in Hannover im Jahre 1989 (IBM-Messe-Stand).
Ó Sven Haferkamp 19.01.2000 webmaster@extropie.de [Home]